Wintersturm #7 – Kontrollverlust und Spielerautonomie

Kontrollverlust und Spielerautonomie: Ein schwieriges Thema, was viel zu oft im Pen and Paper vor kommt. Meistens unbewusst aber sowohl Anfängerin als auch fortgeschrittene Spielleiter tappen immer wieder in diese Falle und beschränken die Spieler in ihren Entscheidungen. Sie nehmen ihnen die Kontrolle über den Charakter weg. Entweder physisch oder psychisch.  

Hilfe, wo bin ich?

“Ihr sitzt in einer Gefängniszelle und wisst nicht wie ihr hier her gekommen seid. Um euch herum quicken die Ratten und eure Klamotten hängen zerrissen an eurem Körper.” Fast jeder Spieler und Spielerin hat diese Situation schon einmal erlebt oder sogar geleitet. Ich selbst habe sie auch schon benutzt um Oneshots einzuleiten oder mich aus der beschränkten Umgebung gekämpft.

Hilfe, wer bin ich?

Aber auch die Einnahme von Drogen, eventuell Alkohol, wahrscheinlich aber auch schlimmeres sorgen dafür, dass mein Charakter unzurechnungsfähig wird und sich anders verhält oder halluziniert. Vielleicht hat der Held oder die Heldin auch im Kindalter gelitten und nun ein Trauma entwickelt, was ihn zu Taten antreibt, die ihn verändern. Wie gehe ich mit solchen Situationen um?

Hilfe, wie bin ich?

Fast jeder kennt die 3×3 Matrix von Dungeons and Dragons mit dem Gesinnungsblatt. Bin ich ein rechtschaffen guter Paladin oder ein chaotisch böser Nekromant? Darf ich noch Blumen pflücken oder verbietet mir vielleicht eine Spielregel eine bestimmte Handlung?

Rollenspieltheorie Kontrollverlust und Spielerautonomie

Gemeinsam mit Martin, Tobi und Torsten sprechen wir über das Phänomen Kontrollverlust und Spielerautonomie. Wann wird es schädlich, wann kann es nützlich sein? Was treibt die Spielleitung dazu sich in mein Erzählrecht einzumischen? Falls euch die Diskussion gefällt, dann hört euch auch die anderen Podcast von uns und dem Wintersturm an.

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Die Musik wurde mir freundlicherweise von Erdenstern zur Verfügung gestellt: Musik komponiert von Andreas Petersen  

7 Kommentare

  1. Ich finde solche Aussagen wie “das macht deinem Charakter Angst” duraus angemessen. Denn nur weil etwas Angst in einem Charakter auslöst heißt das ja noch nicht, dass ihm die Handlungsmöglichkeiten genommen werden. Ein gutes Beispiel dafür dafür ist eben, dass Personen die Kämpfe bestreiten schon immer sagen, dass die Angst immer da ist und die Angst einen in einem Kampf am Leben hält. Es gibt nunmal Situationen in denen Charaktere, solange sie keine massive psychische Störung haben Angst empfinden, jedoch sollte eine solche Störung dem SL bekannt sein. Dazu kommt, dass ich es sehr merkwürdig finde, dass Erinnerungen vorgegeben werden dürfen, weil ja der Spieler nicht mit dem Charakter übereinstimmt und evtl. Zeit vergangen ist, aber Gefühle hier absolut verneint werden. Ich bin mir sicher keiner der Sprecher hat jemals einer Armee an Blutrünstigen Orks gegenüber gestanden. Wie man hier einen solchen Kompromiss aufgrund des “wichtig für das Abenteuer” eingeht finde ich sehr fragwürdig. Entweder darf der Spielleiter Gefühle, Empfindungen, Erinnerungen vorgeben oder eben nicht.
    Auch sonst finde ich, dass hier häufig viel zu sehr versucht wird eine Wahrheit vor zu geben und pauschal alles andere als “schlecht” dargestellt wird.

    1. Ich glaube wir haben mehrfach gesagt, dass wir nur unsere eigene Meinung abbilden und auch andere Arten nie als gut – schlecht oder richtig – falsch darzustellen.
      An sich habe ich noch nie einem Orkheer gegenüber gestanden, das stimmt.
      Aber ich hoffe einfach, dass dieser Impuls von einem guten Spieler oder einer Spielerin SELBST dargestellt wird.
      Wenn er oder sie tatsächlich keine Angst haben will und Mutig hineinläuft, dann ist das (abh von den Regeln) vielleicht ein Rollenspiel, was nicht zu meinem ästhetischen Spiel gehört.
      Dann ist das nicht gut oder schlecht, sondern nur für mich unpassend.

      1. Dann mag das bei mir einfach falsch rüber gekommen sein bezüglich eigener Meinung und allgemeine Wertung.

        “Wenn er oder sie tatsächlich keine Angst haben will und Mutig hineinläuft….”
        Alleine diese Aussage zeigt ja schon wo das Problem liegt. Ein Charakter kann nur dann mutig sein, wenn etwas Angst verursacht. Bedeutet der Charakter muss um diese Handlung ausführen zu können ja Angst haben. Jedoch gibt er dieser nicht nach und rennt davon, versteckt sich unter dem Wagen oder sonst irgendwas sondern beschließt sich eben dieser Angst zu stellen und dem Feind mutig entgegen zu treten. Denn ohne Angst kein Mut. Der Spielleiter schränkt also die Handlungen aus meiner Sicht nicht ein, wenn er sagt, dass die Charaktere vor dieser Situation Angst haben. Er schafft nur den Rahmen. Wie eben “es ist kalt/warm/sonnig/neblig” usw. wie der Spieler in der Situation dann seinen Charakter reagieren lässt bleibt ja weiter ihm überlassen (solange keine gamistischen Regeln zur Anwendung kommen). Ähnlich wie es wäre bei “dir wird kalt”, hier ist dem Charakter kalt, ob dieser aber sich zusammenreißt und weiterhin mit freiem Oberkörper durch den Schnee watet oder nicht bleibt ihm überlassen.
        Anders sähe es aus, wenn der Charakter zu einer Handlung gezwungen wird und z.B. der SL beschließt, dass der Charakter flieht, ohne eben das ein gamistischer Zwang dazu vorhanden ist. Dann würde ich euch recht geben, dann wäre das ein massiver Eingriff in die Kontrolle über den Charakter und so mindestens mal diskutabel.
        Auch die Beispiele mit dem Streuner, sowie der Elfin sind aus meiner Sicht schwierig, bis absolut nicht ok, da hier wirklich dem Spieler die Kontrolle über den Charakter entrissen wird, ohne das gamistisch ein Zwang hierfür besteht. An dem Rest stört mich eher, dass hier dem eventuellen SL eher negative Intentionen unterstellt werden und man aus meiner Sicht zu vorschnell Aktionen als gängelung abtut, die wie im oben beschriebenen Beispiel mit der Angst eigentlich keine sind. Maximal ein Missverständnis.
        Jedoch denke ich, dass die grundlegende Botschaft die ihr transportiert, eben das SLs sich überlegen sollten, wie weit sie in die freien Handlungen der Spieler eingreifen und diese “bevormunden”, wirklich etwas ist was ich unterschreiben würde. Mir gefallen nur einzelne Darstellungspunkte nicht sonderlich gut.

  2. Moin,

    eine Sache möchte ich noch ergänzen: Es ist ja deutlich geworden, dass Kontrollverlust auf Charakterebene toll ist, wenn die Spieler sich darauf geeinigt haben. Ich liebäugel in letzter Zeit aber immer wieder mit dem “kontrollierten Kontrollverlust”, also dem Experiment, was passiert, wenn ich als Spieler der SL Rechte abtrete.

    Ihr habt das angesprochen mit dieser Traumageschichte, wobei ich persönlich das Lagerfeuerbeispiel großartig finde. Aber was ist denn, wenn der Charakter Traumas hat, wenn er Blackouts hat, wenn er wütend wird, wenn er Wahnvorstellungen hat, wenn er als Vampir Blutdurst hat? Wenn dann die SL kurzzeitig übernimmt und den SC Dinge tun lässt, die zumindest dieser nicht will. Dies zu ergründen klingt für mich spannend. Das hat dann natürlich irgendwie was Psychologisch-Pädagogisches. Ich kann mir auch vorstellen, dass einem das als Spieler auch entgleiten kann. Fall für Safety Tools…

    In “Roll Inclusive” habe ich einen Text von Avery Alder gelesen, in dem sie schreibt, dass es (ganz entgegen eurer Power-Fantasy-These) auch sehr reizvoll sein kann, wenn man schon durch die Regeln nicht immer der mächtigste, kontrollierendste, wachsendste Held ist, sondern durchaus auch mal jemanden spielen kann, der schwach, abhängig und nicht selbstbestimmt ist. Wie fühlt sich das an? Ich hab das mal auf einer Conrunde mit “Nightwitches” erlebt, als mein SC (als Frau) auf einmal Dinge tun musste, die ich als Spieler nicht wollte. Das war mir so dermaßen unangenehm, dass ich gern an diese Grenzerfahrung zurückdenke. Erfordert jedenfalls immer wieder ganz schön viel Überwindung, um mich auf diesen ganzen Queer-Gender-Rassen-Kram einzulassen, aber manchmal ist was ganz Sinnvolles dabei.

    Also macht weiter so, ich hör euch immer wieder gern.
    Gruß
    Herr Littelmann

    1. Ich persönlich bin tatsächlich ein großer Freund von der Lagerfeuer-Rauch-Kontrollgeschichte.
      Grade bei Cthulhu mag ich das gerne. Ich trage den anderen deine Kritik mal heran und bin sehr gespannt auf ihre Reaktion ;D
      LG
      Frosty

      1. Moin Frosty,

        das ist ja keine Kritik, im Sinne davon, dass ich etwas auszusetzen hätte. Nenn es Ergänzung. 😉

        Gruß
        Herr Littelmann

  3. Zunächst mal vielen Dank für das interessante Thema und die abwechslungsreiche Diskusion.
    Wie ihr schon dargestellt habt kann man zu den Vorlieben und Grenzen des Einzelnen nur über den Gruppenkonsens eine abschließende Beurteilung treffen – gut ist nur woran alle Spaß haben. Ich würde daher lieber auf einen anderen Punkt im Cast eingehen, der mir etwas bitter aufgestoßen ist, obwohl ich später verstanden habe was der Kern der Aussage war bzw sein sollte.
    Wahrscheinlich ist ea aufgrund der vielen Gespräche die ihr (vermutlich) auch außerhalb des cast führt kaum zu vermeiden dass der Kenntnis Wissens und Verständnis stand der Hörer nicht immer exakt dem entspricht was für die sprechenden als selbstverständlich gilt. Mir geht es hier aber nicht um diesen Allgemeinplatz, sondern um die Stelle an der sexuelle und psychische Gewalt thematisiert wurde. Erst aus dem Kontext und einer späteren Erwähnung wurde mir klar das Sexuelle und psychische Gewalt in-time zwischen den Protagonisten der Geschichte gemeint war. Ich persönlich habe so etwas nicht nur im Spiel noch nie erlebt, sondern der Gedanke war mir auch so fremd dass ich zunächst davon ausgegangen war, es würde hier “schlechtes und übergriffiges meistern einer pen and paper Runde gleichgesetzt, mit realer physischer und sexueller Gewalt. Kurz: als Betroffener musste ich an der Stelle irritiert schlucken.
    Ich liebe euren Cast und nichts könnte mir ferner liegen als euch zu unterstellen, dass ihr sexuelle Gewalt verharmlosen wolltet – denn das ist eindeutig nicht der Fall. Für euch war es einfach so selbstverständlich, dass ihr damit nicht reales verhalten zwischen Spielern meint, sprich Übergriffe am Spieltisch – wie es für mich selbstverständlich war, dass sowas doch wohl niemand in eine Fantasiewelt einbringen würde. Scheinbar gibt es aber auch sowas, mein Beileid an jeden und jede die sich so auch in ihrer Fantasiewelt plötzlich noch mit der Scheiße auseinandersetzen müssen. Für mich war es einfach die Stelle “das ist genau wie (…)”. Mit dem kleinen Zusatz “(…)im Spiel” wäre für meinen Teil die schmerzhafte irritation zu vermeiden gewesen, vermutlich tickt da aber auch jeder anders und ich möchte euch sicher nicht vorschreiben wie ihr zu reden habt, damit danach niemand was zu kacken hat. Irgendeiner heult am Ende immer, also nichts für ungut.

    Eure Arbeit macht mein Leben trotzdem schöner, bitte hört nie auf ♪

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