Cthulhu NOW oder doch lieber goldene Zwanziger?

Immer mal wieder kommt die Diskussion auf wo und wann Cthulhu richtig gespielt wird. Diese Frage wird hier nicht beantwortet werden, weil es schlicht kein richtig gibt. Jede Gruppe muss diesen Stein für sich selbst brechen, vor allem der Spielleiter sollte sich hier in seinem Element fühlen und die Spieler mit auf eine Reise der Entdeckung nehmen. Heute sprechen wir über Cthulhu Now.

Die goldenen 1920

H. P. Lovecraft hat selbst in dieser Zeit gelebt und geschrieben. Es ist Grundlage für die Romane und auch zahlreiche Computerspiele oder die klassische Version von Chaosium. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche andere Erweiterungen oder Settinghilfen auf die ich im späteren Verlauf eingehen werde (Invictus, Kreuzzüge, Spanische Inquisition oder Gaslicht). Spreche ich also von Cthulhu ohne einen Zusatz, dann entsteht bei den Meisten das Bild im Kopf von einem wahren Gentleman oder einer Lady, die mit einem Wein im Ohrensessel sitzen und ihr Monokel zurecht rücken.

Ein Zeitungsjunge mit Baskenmütze, der vor dem Empire State Building seinen Absatz macht oder auch Al Capone, der seine Jungs grade mustert, während sie ihre Geigenkoffer auffüllen. Der Zeitraum an sich erstreckt sich über etwas mehr als 10 Jahre in denen vor allem die USA die Richtung vorgeben und den Wirtschaftlichen Aufschwung nutzen. Einige bleiben auf der Strecke (wie auch HPL selbst), andere bauen Eisenbahnen oder Ölraffinerien und verdienen Millionen. Durchaus eine interessante Zeit, allerdings grade für den Neuling schwer zu fassen, wenn er oder sie sich noch nicht mit der Materie vertraut hat.

Die Inspiration

Lovecraft schrieb Geschichten in seiner Gegenwart. Er schrieb nicht über die Vergangenheit, auch wenn er sich selbst wünscht früher geboren worden zu sein. Er himmelte seinen Großvater an, die damals im 19. Jahrhundert noch “echte Gentleman” waren. Aber auf diesen Punkt möchte ich hinaus: Lovecraft schrieb für seine eigene Zeit. Sein Leben wird in herausragender Weise von den Arkham Insiders in vielen Podcast Teilen beschrieben. Er lies sich inspirieren von den Begegnungen, die er auf Reisen machte. Eine kurze Zeit seines Lebens verbrachte er in New York, in den Straßen und Gassen und beobachtete dabei auch die ärmliche Schicht (zu der er selbst gehört, sich aber für etwas besseres hielt). Er nahm die Umgebung auf und verarbeitete sie nach einigen Briefwechseln in seinen Kurzgeschichten und schuf so die Werke, die wir heute kennen und lieben. Die meisten Spielleiter wählen daher die 1920ger Jahre, weil auch Lovecraft dort schrieb und sie “nah am Original” bleiben möchten. Ich hingegen wähle eine andere Betrachtung, die mich viel eher ins Jahr 2019 bringt oder eben so “jetzt-zeitig” wie möglich.

Cthulhu NOW

Ich wähle für meine Abenteuer ebenso die Gegenwart wie HPL dies tat. Sie ist für uns greifbar und der Horror verständlicher. Ich brauche keine Einführung in Mode und Politik, in Ehrgefühl oder muss den Sexismus oder Rassismus der damaligen Zeit so ausspielen, wie er historisch korrekt wäre. Ich kann weibliche Protagonisten ohne Probleme mit männlichen Verknüpfen, ohne dass die NPC Gesellschaft empört die Nase rümpft. Ich will hier keine Debatte lostreten, wie dicht gespielt werden sollte in historischen Settings, ich glaube aber meine Punkte sind klar geworden. Ich kann ohne viel Federlesen und Erklärung ein paar Charaktere bauen oder Archetypen verteilen und anfangen. Ein großer Vorteil für Beginner, aber auch Alteingesessene, die nach zehn Oneshots keinen elften Charakter bauen wollen.

Kann ich nun überhaupt noch Horror im NOW erzeugen?

Ja selbstverständlich. Die 1920ger leben ganz explizit von der Abgeschiedenheit, in einem finsteren Wald seid ihr allein und hilflos, es dauert Stunden zur nächsten Stadt, wenn das Auto mal ausfällt. Sicherlich kann man dieses Gefühl nun auch mit einem zerstörten Smartphone erreichen oder ausgefallenen Strom- und Handynetz, aber diesen Trick in einem NOW Szenario zu benutzen ist nur einmal lustig! Passiert dies ständig, dann kann man genauso gut jedes andere Setting spielen und auf Technik verzichten. NOW schöpft aus ganz anderen Quellen, die wunderbar funktionieren oder eben noch viel besser. Die alles umgebende Technik als Feind. Ein Computervirus, der auch Menschen befällt? Das abhören von Handys, nicht unbedingt durch die Regierung sondern von etwas, das hinter dem Smartphone sitzt, in verschobenen Dimensionen. Eine gigantische Firma, die zahllose Tochterfirmen gegründet hat und unser Leben kontrolliert für einen höheren Zweck. Das Internet als lebender Organismus, der nach und nach unsere Realität frisst.

Handwerkszeug

Es sind zahllose Möglichkeiten für den Spielleiter gegeben, die spannenden Horror in der NOW Zeit ermöglichen. Die Abenteuer müssen dafür anders geschrieben werden, eine alte Truhe auf dem Speicher der Großonkels, die ihr jetzt erben dürft, passt nicht recht ins Bild. Ihr müsst euch lösen und neue Ideen holen, die aber überall auf euch warten. Lasst euch ebenso wie HPL inspirieren von dem, was sich um euch befindet. Geht eine Runde spazieren und nehmt die Eindrücke auf oder aber bleibt am Computer sitzen (immerhin lest ihr grade diesen Blog) und recherchiert nach den Abgründen, welche die Gegenwart zu bieten hat. Ich selbst merke immer wieder, wie mich die NOW Zeit viel eher abholt als die 1920ger Jahre. Die Technik als Feind ist das Konzept. Der Mensch und die neuen Werte als Gegner im Abenteuer. Würzt ihr das nun noch mit etwas kosmischen Schleim und Kokons und Maden, dann habt ihr einen ausgezeichneten Cthulhu-Cocktail.

Nur tut mir bitte einen Gefallen und lasst nicht das Handy und das Auto ausfallen!

Andere Zeitalter

Selbstverständlich könnt ihr auch in zahlreichen anderen Settings spielen. Ihre Zahl ist Myriade:

  • Invictus im alten Rom, sowohl Republik als auch Kaiserreich
  • Kreuzzüge und Mittelalter generell
  • Zeit der Aufklärung in Frankreich
  • Piraten der Karibik
  • Gaslicht 1890 und die Entdeckung der Welt
  • Erster Weltkrieg in den Schützengräben
  • Zweiter Weltkrieg und die Gralssuche oder andere Mysterien
  • Cthulhu Noir in Schwarzweiß mit rauchigen Detektivbüros
  • Apokalypse und Weltuntergang mit Erwachen der Großen Alten

All diese Möglichkeiten ziehen ihren Horror aus ganz eigenen Elementen. Mal sind es Verschwörungen, mal die Knappheit und die Not oder die nahende und greifbare Vernichtung der Menschheit. Ich habe bereits schon erwähnt, dass ich selbst historische Settings unglaublich gerne mag und auch die 1920 liebe. Ich spiele sie gerne, empfinde dabei aber kaum mehr “Grusel”. Was am Ende ihr wählt ist euch komplett überlassen, Spielleiter und Gruppe müssen glücklich mit der Entscheidung sein. Ich selbst möchte euer Herz nur etwas erwärmen für die vielen Ideen, die ihr neben dem klassischen Cthulhu noch spielen könnt. Lasst euch auf die Reise ein und ermittelt vielleicht selbst mal in einer Entführung wie die Alriks bei Ladybug, Ladybug, fly away home.

Hier findet ihr noch einen Artikel von mir zu Zeitreisen, um vielleicht all das miteinander zu kombinieren.

 

 

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